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Selbsterfahrungsgruppe

Wenn das Sehen schlechter wird - Selbsterfahrungsgruppe für Menschen, die im Prozess der Erblindung stehen

Unglücklicherweise gibt es für Ihre Sehschädigung keine medizinische Behandlungsmöglichkeit.”

Es kommt wie ein Schock: Sie verlieren Ihr Sehvermögen und es ist die Hölle. Eine Hölle, die Sie nicht gewählt haben und für die Sie nicht verantwortlich sind und die Sie so sehr hassen, dass Sie glauben, das alles sei nicht wahr. Sie sind schockiert und gelähmt, Sie wollen schreien und können es nicht. Sie sind eingeschlossen in einen Raum und es gibt keinen Fluchtweg. Sie haben keinen Schlüssel um zu entfliehen. Keine Behandlung, keine Besserung, keine Hoffnung.

“Das wird schon vorbeigehen, … die Dinge werden bestimmt besser, … es wird so viel geforscht, da finden die auch ein Mittel gegen deine Krankheit, … alles wird gut werden”. Das ist genau, was nicht passieren wird, es wird nicht wieder alles gut werden, wie nach dem Aufwachen aus einem bösen Traum.

Traumatische Krisen passieren, wenn etwas völlig Unerwartetes und Schreckliches passiert. Jedes Jahr erblinden in Deutschland ca. 28.000 Menschen! Eine Erblindung oder fortschreitende Sehverschlechterung kann durch verschiedene Augenerkrankungen verursacht sein. Eine Erblindung oder fortschreitende Sehverschlechterung kann schnell ablaufen oder sich über Jahre hinziehen. Bei manchen Erkrankungen erfolgt die Erblindung eines oder beider Augen plötzlich.

Der teilweise Ausfall oder der völlige Verlust der Sehfähigkeit bedeuten für die betroffenen Menschen eine drastische Beeinträchtigung und Veränderung ihres alltäglichen Lebens. Wenn die Sehfähigkeit verloren geht, führt dies schnell zu weiteren Verlusten der Unabhängigkeit und Selbständigkeit, der Kontrolle, der Mobilität, der Arbeitsfähigkeit, der sozialen Funktion, von Freude und Identität. Was einem wichtig war, ist jetzt nicht mehr und nie mehr möglich. Mit großer Deutlichkeit stellen sich die betroffenen Menschen die Frage nach dem Sinn des Lebens: „Wer bin ich jetzt denn noch, was bin ich noch wert?“

Viele blinde Menschen empfinden vor allem die Abhängigkeit von anderen Menschen bedrückend. Für die kleinste Handreichung muss man um Hilfe bitten. Hier stehen Angst und Depression im Vordergrund, nicht selten in Kombination mit Schuldgefühlen und Wut. Gefühle der Einsamkeit und Isolation sind häufig zentrale Faktoren selbst bei einem intakten sozialen Netzwerk. Bedenkt man, dass der Mensch rund 85 Prozent seiner Wahrnehmung über das Auge aufnimmt, versteht man, dass eine Erblindung die Betroffenen erst einmal völlig hilflos, orientierungslos und immobil macht.

Zu erblinden bedeutet

  • sein Leben vollständig umstellen zu müssen
  • nicht mehr selbständig lesen zu können
  • selbst für einfache Dinge des täglichen Lebens, wie dem Essen oder bei der Bedienung des Telefons oder Fernsehgerätes Hilfe zu benötigen
  • den Verlust von Orientierung in der Wohnung und draußen im Verkehr
  • den gewohnten Beruf aufgeben zu müssen und
  • eine große Belastung für langjährige Beziehungen und oftmals auch den Verlust von Freunden und Beziehungen
  • viele neue Dinge lernen zu müssen
  • sich mit den eigenen Vorurteilen auseinandersetzen zu müssen

Durch unsere langjährige Arbeit kennen wir die emotionalen Probleme, die eine fortschreitende Sehschädigung und evtl. Erblindung für die betroffenen Personen mit sich bringen und das gespaltene Verhältnis, welches viele sehbehinderte oder blinde Menschen zu dem eigentlich doch genialen Hilfsmittel, dem weißen Langstock, haben. Nicht wenige sehbehinderte Menschen lehnen dieses Hilfsmittel grundsätzlich ab, viele schämen sich, innerhalb ihres Wohnumfeldes oder an ihrem Arbeitsplatz den “Blindenstock” zu benutzen.

Die Praxis zeigt, dass viele Menschen, die sich eigentlich ohne die Benutzung des weißen Stockes nicht mehr sicher und verantwortungsvoll für sich und ihre Umwelt bewegen können, es trotz allem nicht über sich bringen, dieses Hilfsmittel auch zu benutzen. Sie schämen sich oder haben Angst davor, als sichtbar behinderter Mensch auf die Straße zu gehen. Diese Angst ist oftmals viel größer als die Angst vor Verletzungen oder Unfällen. Viele behinderte Menschen verzichten daher auf Hilfsmittel wie Blindenlangstock, Gehhilfe oder Hörgerät und verbauen sich so eine selbständige Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. In nicht wenigen Fällen muss es dann erst zu einem Unfall oder einer Verletzung anderer Personen kommen, bevor sich die erblindenden Menschen überwinden, dieses Hilfsmittel notgedrungen zu benutzen. Manche schaffen es leider nie.

Daher bieten wir diesen Menschen das Angebot einer laufenden, professionell geleiteten Selbsterfahrungsgruppe, innerhalb derer sie an ihren Ängsten, Fragen, Sorgen bzgl. der Benutzung des weißen Langstockes arbeiten und durch Selbstreflexion ihre Erblindung souverän meistern lernen. Die Selbsterfahrungsgruppe soll die Teilnehmenden beim Entfalten der eigenen Möglichkeiten und beim Entwickeln der eigenen Persönlichkeit unterstützen. Die Selbstentfaltungsgruppe soll das Bewusstsein für den Wert und die Würde des menschlichen Lebens stärken. Der Wert eines Menschen und seine Würde enden nicht mit dem Verlust der Sehfähigkeit. Ein sinnerfülltes Leben hängt nicht von Gesundheit und körperlicher Leistungsfähigkeit ab. Dies soll den Teilnehmenden in den Selbstentfaltungsgruppen vermittelt werden.

Diese Gruppe wird angeleitet von Frau Heike Herrmann. Frau Herrmann ist Klientenzentrierte Beraterin, Psychotherapeutische Heilpraktikerin und Supervisorin. Sie befindet sich persönlich im Prozess der Erblindung und hat genau für diese Personengruppe einen Beratungsansatz “Captain Handicap” entwickelt.

“Captain Handicap” zielt darauf ab, selbstbewusst, das heißt, sich seiner persönlichen Grenzen, aber auch seiner Kompetenzen und seines Wertes bewusst, mit einer Behinderung zu leben. “Captain Handicap” möchte, das die betroffenen Menschen lernen ein normales Leben zu führen und trotz aller behinderungsbedingter Einschränkungen glücklich mit ihrer Behinderung zu leben.

Selbsterfahrungsgruppe Marburg
Beginn: Montag, den 01.03.2010
Zeit: 15 - 17 Uhr
Ort: fib, Am Erlengraben 12a, 35039 Marburg,
2. Stock (blauer Raum)

Selbsterfahrungsgruppe Kassel
Beginn: Mittwoch, den 10.03.2010
Zeit: 15 - 17 Uhr
Ort: Beratungsstelle des Blinden- und Sehbehindertenbundes
Wilhelmshöher Allee 123a, 34121 Kassel

Selbsterfahrungsgruppe Gießen
Beginn: Mittwoch, den 06.09.2010
Zeit: 15 - 17 Uhr
Ort: Paritätischer Wohlfahrtsverband, Regionalstelle Mitte
Bahnhofstr. 61, 35390 Gießen

Wenn Sie sich über die Selbsterfahrungsgruppe informieren wollen oder Interesse an einer Teilnahme haben, wenden Sie sich bitte an:
Frau Heike Herrmann
unter der Telefonnummer
06421 166734